Wieder der alte sein …


Ein Blog-Beitrag ist mir heute ins Auge gefallen, und hat mich berührt:

http://sorgenschaukel.wordpress.com/2014/08/12/ofter-denk-ich-ich-will-dass-er-wieder-der-alte-ist/

Das ist schön geschrieben und aus Sicht von jemand, der selbst an depressiven Phasen leidet, auch sehr richtig – also z.B. die Punkte an denen man nicht helfen kann, und besser zuhört als Vorschläge zu machen, weil der Kranke die Vorschläge nicht annehmen, oder gar umsetzen kann. Und schlimmer noch, aus Sicht es Kranken – also meiner – wenn man darauf dann gesagt bekommt man will nicht, während man doch wollte aber nicht konnte.

Aber was mich veranlasst hat, selbst zu schreiben ist der Titel „Öfter denk ich, ‚Ich will dass er wieder der alte ist.'“

Bei mir ging es um 2005 los, Depression und Angststörung, vielleicht schon vorher. Manche Jahre waren schlimm, manche besser. Ich wäre oft auch gerne wieder der alte, so wie früher, als ich so vieles tun konnte, was heute so schwer, oder hinter so unüberwindbaren Hindernissen verborgen zu sein scheint.

Aber selbst wenn man sich langsam wieder freischwimmt, wieder etwas an Kraft gewinnt und wieder Dinge tun kann, die lange nicht möglich waren – die Erinnerungen an die Zeit bleiben.  Man vergisst es nicht. Man wundert sich an guten Tagen zwar über die Gedankengänge aus der schlechten Zeit, und dass man vor so vielem Angst hatte und am liebsten sterben wollte, weil alles so ausweglos erschien und nicht mehr lebenswert.

Aber auch wenn man es an guten Tagen anders einschätzt, es ist alles noch da … und man weiss auch, dass die Probleme wieder kommen können. Manchmal von einem Tag auf den anderen, so dass man manchmal zu sich selber sagen kann „Heute ist es nicht schlechter als Gestern, warum bin ich dann so traurig, warum fühlt sich alles so sinnlos an?“ Das Leben hatte am Tag vorher nicht mehr Sinn, aber auch nicht weniger. Man erinnert sich noch, aber man spürt es nicht mehr. Die Lebensfreude ist weg. Ziele werden sinnlos. Aktivitäten werden sinnlos. Sterben wäre eine Befreiung von der Last des Lebens. Ein Ende des Schmerzes.

Ähnlich ist es mit der Angst – man lernt es, die Unterschiede zu erkennen – was vorher noch ging, macht jetzt Angst. Die Angst ist für mich noch schlimmer als die Depression, aber das Ergebnis ist das gleiche – Handlungsunfähigkeit. Sitzen und Angst haben, jede Regung könnte Gefahr heraufbeschwören. Jede Veränderung ist gefährlich, bildet den Keim für Unheil. Jede Abweichung von der Regel ist verdächtig, und potentiell gefährlich. Menschen sind bedrohlich, heimtückisch, hinterhältig. Die Welt ist unvorhersehbar, das Unvorhersehbare macht Angst, es ist gefährlich.

Allein sein, in einem Schneckenhaus, weit weg von der Welt, und hoffen, dass nichts passiert. Dass die Welt einen vergisst, und man hoffentlich nicht gesucht wird, weil man dann erklären müsste warum man sich versteckt, und es nicht erklären kann, weil es die anderen nicht verstehen, dass Angst einfach überwältigend und umfassend sein kann, und man eben sogar Angst hat, dass jemand fragen könnte.

Sterben wird Befreiung. Noch mehr als bei der Depression. Das Ende der Angst, das einzige Ziel. Auch wenn es das Ende von allem sein sollte, es scheint erstrebenswerter als in Angst zu verbleiben – kurioserweise war es auch die Angst die den Selbstmord verhindert hat. Ich hatte Angst es klappt nicht, und ich müsste als Krüppel weiterleben, der sich nicht mehr selbst das Leben nehmen kann, weil dafür zu behindert, also keinen zweiten Versuch mehr zu bekommen, wenn der erste nicht klappen sollte. Ja, man kann Angst haben, ungeplant und behindert am Leben zu bleiben. Es ist gar nicht einfach, sich zuverlässig selbst das Leben zu nehmen. Zumindest in so einer Phase kommen einem tausend Möglichkeiten in den Sinn, was schiefgehen kann, genauso wie die tausend Möglichkeiten des gefährlichen Scheiterns bei allem anderen was man tut.

Schnitt. Zurück zum Thema.

Vielleicht wenn es nur einmal ist, und nur für wenige Wochen, dass man danach wieder „der alte werden“ kann. Wenn es Jahre sind, dann wird es Teil vom Leben. Man lernt damit umzugehen, zumindest in Maßen, und so lange es nicht allzu schlimm kommt. Man weiß auch eher, wo man Hilfe bekommt (bzw. wo man erst gar nicht um Hilfe suchen sollte – es gibt Menschen, die solche Schwächen auch noch ausnutzen).

Ich bin immer noch nicht wieder gesund. Aber lebensfähig. Und ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass die vielen Jahre mit so vielen Problemen so repariert werden können, dass ich „wieder der alte bin“. Ich bin älter, ich habe die Erinnerungen, die Erfahrungen aus den Jahren. Was ich Gefühlt habe. Dass ich vieles verloren habe, was ich aufgebaut hatte. Weil ich es nicht festhalten konnte. Oder abgeben musste, weil ich keine Kraft hatte mich darum zu kümmern.  Oder weil es plötzlich Angst machte. Das kann man nicht zurückdrehen, jedenfalls nicht komplett.

Vielleicht so wie bei Narben – es verheilt zu einem gewissen Grad, aber ganz weg geht es nie mehr. Je nachdem wie schlimm die Narben sind, bleiben Behinderungen.

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