Anatomie eines Absturzes


Mein Gedächtnisprotokoll

Ende 2004 – Burnoutartige Probleme, Frustration. Entschluss alle privaten Projekte aufzugeben, um mehr Freizeit zu haben.

Anfang 2005 – Offizieller Schluss oder Übergabe der Projekte.

März 2005 – Bekomme Internetzugang.

April 2005 – Entdecke Online-Spiele.

Werde rasch spielsüchtig. Schlafe bald nur noch so viel wie absolut notwendig, manchmal noch weniger. Zunehmende depressive Phasen.

2006 – Vorher schon latent vorhandene Angststörung macht sich zunehmend bemerkbar. Zudem längste depressive Phase, an die ich mich erinnern kann. Schlafmangel ist alltäglich, bis hin zum Punkt als ich beim Warten an einer Verkehrsampel nicht mehr erkennen konnte, ob es rot oder grün ist.

Jahreswechsel 2007/2008 – Analvenenthrombose. Zu viel sitzen, zu wenig Bewegung. Weihnachtsurlaub praktisch komplett vor dem Computer verbracht, ausser wenn ich schlafen musste. -> Ambulante Operation. Sitzen vor dem Computer nicht möglich, spielen mit Laptop im Liegen schwierig.

Ende 2008 – Zunehmende Verdauungstörungen. Hausarzt weißt mich ins Krankenhaus ein. Eine Woche Untersuchungen. Keine körperlichen Ursachen feststellbar.

Versuche Spielsucht in den Griff zu bekommen, und wieder ausreichend zu schlafen. Wird besser, aber die Verdauungsprobleme bleiben. Die Angststörung wird stärker.

2009 – Suche nach einer Therapeutin. Beginn einer Therapie durch Psychologin. Beginne die Angstprobleme mit freien Medikamenten zu bekämpfen.

Beginnende Medikamentenabhängigkeit, obwohl die Mittel von Psychologin und Hausarzt als „unbedenklich“ attestiert werden, und mir im Prinzip freie Hand gegeben wird.

Die Verdauungsstörungen beginnen den Tag zu dominieren, schränken das Leben ein, beeinträchtigen die Arbeit.

Sommer 2009 – Wechsel in 80% Teilzeit. Beste Entscheidung meines Lebens.

Therapie bleibt wirkungslos. Depressive Phasen werden kürzer, ich lerne damit besser umzugehen. Angstprobleme nehmen zu, trotzdem ich jetzt wieder einen fast normalen Tagesrhythmus habe. Online-Spiele gehören jedoch weiterhin dazu.

2010 – Angstprobleme bestehen fort, aber ich komme damit zurecht. Depressive Phasen ebenfalls weitgehend problemlos.

Eigentlich ein ganz gutes Jahr. Beginne mit täglicher Gymnastik.

Ende 2010 – Psychotherapeutin schlägt Therapiepause vor, weil Therapie erfolglos, und keine neuen Ideen mehr vorhanden. Ich stimme zu, weil ich von der Therapie ebenfalls enttäuscht bin.

Anfang 2011 – Stark zunehmende Angstprobleme. Paranoia. Medikamente wirkungslos. Beginnende Zwangsstörung. Schnelle Verschlimmerung. Totaler Zusammenbruch.

Feb. 2011 – Neue Therapeutin. Bekomme bessere Medikamente. Das erste Mal, dass mir etwas wirklich hilft.

2011 ist das verlorene Jahr. Ich lösche meine Spiele-Accounts, kündige Online-Services, meine Webseite, Paypal, Amazon … alles was sich kündigen lässt. Paranoia über Identitätsdiebstahl sind überwältigend. Angst vor Diebstahl durch Paypal-Piraten usw. dominiert alles. Angst durchdringt das Leben – kann die Wohnung kaum noch verlassen, gehe manchmal mehrfach wieder zurück, um zu kontrollieren, dass auch wirklich alles in Ordnung ist. Beginne Wertsachen zu verstecken, wegen Angst vor Einbrechern. Habe Angst Geräte zu benutzen, weil sie kaputt gehen könnten. Kaufe Geräte doppelt, zur Sicherheit. Benutze Geräte dennoch nur wenn absolut notwendig. Habe sogar Angst, dass meine Medikamente gestohlen werden könnten. Verstecke einen Teil der Medikamente, damit nicht alles auf einmal gestohlen wird.

Sommer 2011 – das einzige was dieses Jahr neu dazukommt, ist ein Account auf DeviantArt. Ich will weg von Technik, hin zur Kunst. Möchte eine neue „Karriere“ als Künstler starten. Versuche Fotografie zu meinem Hobby zu machen.

Trotz aller Probleme gelingt es mir in großen Teilen, meine Arbeit zu machen. Ein verständnisvoller Chef und Kollegen helfen mir soweit sie können.

2012 – Erholung. Fotografie als Hobby entpuppt sich als frustrierend, ähnlich wie es meine alten Projekte waren. Meine Fähigkeiten als Grafiker sind zu schlecht für eine Karriere als Künstler. Idee, falls ich Job verliere, eine Lehre als Goldschmied zu beginnen. Zweifel, ob meine Probleme das zulassen würden.

Ein Versuch, wieder Einfluss auf eines der Projekte, die ich 2005 abgegeben habe, zu erlangen misslingt. Ich bin mit dem Status des Projekts sehr unzufrieden, kann aber nichts ändern. Schliesslich schaffe ich es, als Autor vom Titelbild entfernt zu werden, weil ich damit nichts mehr zu tun haben möchte. Ich möchte schöne Dinge schaffen, dieses Projekt soll nicht mit meinem Namen verbunden sein, so lange es so hässlich aussieht. Ich schäme mich dafür.

Erneuter Entschluss, keine Softwareprojekte mehr zu machen, weil sinnlos. Betrachte es als erneute Lehre, dass ich Fehler nicht wiederholen sollte, und werte das Engagement über weite Teile von 2012 für das alte Projekt als verlorene Zeit, wie auch die Jahre vor 2005. Stelle fest, dass ich den Fehler insgesamt drei Mal gemacht habe, und schön blöd sein muss.

Mache Yoga für 18 Monate, von Sommer 2012 bis Ende 2013. Eine gute Erfahrung, auch wenn das Ende im Dissens mit meiner Yoga-Lehrerin geschieht. Betrachte Yoga weiterhin als gut, und empfehlenswert.

2013 – Kontrollwahn lässt nach. Paranoia ebenfalls. Angstprobleme lassen nach. Zunehmende Aktivitäten.

Mai 2013 – Mutter erleidet Schlaganfall. Das erste Mal, dass ich ganz für mich selbst verantwortlich bin. Unfair gegenüber der Mutter, aber es fühlt sich an wie eine Befreiung. Es ist eine.

Spannungen in der Familie wegen der Mutter und einem Grundstück überschatten weitere Erholung.

Anfang 2014 – Das Familiengrundstück wird verkauft. Die Mutter bekommt eine Betreuerin. Meine Verantwortlichkeiten nehmen ab. Die Geschwister ziehen sich in die gewohnte Isolation zurück. Ich behalte Kontakt zu meinem Bruder, ziehe mich ansonsten auch zurück.

Ich beschliesse einen eigenen Gemüsegarten anzulegen, weil der Familiengarten nicht mehr existiert.

Sommer 2014 – Der eigene Garten am Haus ist gut. Endlich ein Hobby das für mich Sinn macht, und mich weg bringt vom Computer und den alten oder neuen Projekten.

Zukunft? Ich weiss nicht. Garten, vielleicht Bonsai. Kunst? Sicher, so weit es meine Fähigkeiten zulassen. Teilzeit weniger als 80% – gerne, muss aber auf interne Umstellungen in der Firma warten. Möchte eigentlich nur noch so viel arbeiten, dass das Geld gerade so reicht. Ich übe schon lange, mit möglichst wenig Geld auszukommen. Es muss mit noch weniger gehen.

Vermutlich muss ich mein Leben lang Medikamente nehmen, aber das stört mich nicht so sehr, bis auf die Sorge, dass ich durch irgendeinen Umstand die Medikamente nicht mehr bekommen kann – Krise, Krieg oder so etwas.

Vieles geht immer noch nicht. Mein Aktionsradius ist klein, im Prinzip nur wenig mehr als was ich zu Fuß erreichen kann. Auto fahre ich nur ungern, auch wenn ich die größten damit verbundenen Ängste überwunden habe.

Ich kann keine Romane lesen, das Drama und die Spannung sind überwältigend, ich halte das nicht aus. Das gleiche gilt für Filme.

Ich kann mich oft nicht allzu lange auf eine Sache konzentrieren. Ich springe zwischen Tätigkeiten. Ich muss Dinge in kleine Etappen erledigen. Manchmal glaube ich, meine Intelligenz hat gelitten, und komme mir doof vor. Nach den Jahren fast ohne Schlaf und meinen Experimenten mit Beruhigungsmitteln würde es mich nicht wundern, wenn mein Hirn tatsächlich Schaden genommen hätte. Dagegen stehen bemerkenswert klare Momente, die denen vor 2005 nicht nachstehen, aber es gibt eben auch Tage, da funktioniert mein Kopf gar nicht.

Vermutlich gibt es noch viel, was ein normaler Mensch kann und ich nicht, was mir aber nicht auffällt, weil ich es nicht tun muss oder nie getan habe. Manchmal bin ich mir auch nicht sicher, ob mich selbst belüge und ein „Ich will das gar nicht“ nur ein Vorhang ist, der das „Ich kann nicht“ schöner aussehen lässt. Das ist für mich oft nicht zu erkennen, aber ich weiss, dass ich mir Dinge „zurechtgelogen“ habe, damit es nicht so weh tut. Ich weiss nur nicht immer, welche.

Gespräche können sehr belastend sein, vor allem im Nachhinein. Eigentlich rede ich gerne mit Leuten, aber wenn ich Tage brauche, um mich von einem Gespräch das nicht 100% harmonisch lief, zu erholen, dann bleibe ich lieber in Isolation.

Allein sein hat früher manchmal weh getan. Ich habe immer wieder einen Lebenspartner vermisst. Im Moment erscheint es mir undenkbar wie ich den Raum um mich mit einer anderen Person teilen könnte, die Dinge verändert, ohne dass ich das weiß, die im Prinzip unvorhersagbar ist. Der Kontrollwahn lässt grüßen, „Ich bin noch da“. Autistisch an sich bin ich nicht, ich kann mich in andere Personen hineinversetzen und mitfühlen, aber wie ein Autist habe ich es am liebsten, wenn alles nach Regeln abläuft, die immer gleich sind, Tag für Tag, Woche für Woche.

Im Moment kann ich sagen, ich bin gerne allein. Nicht unbedingt weil allein sein toll ist, aber es bringt am wenigsten Probleme mit sich.

Ich denke auch, der Grundgedanke weg von der Technik, hin zur Kunst ist richtig. Es mutet mich aber manchmal schon kurios an, wenn mir gesagt wird, ich hätte keine Ahnung von Technik. Zumindest die ersten 30 Jahre meines Lebens war ich sehr technikbegeistert. Aber vielleicht reichte die Zeit seither ja schon, damit ich für viele den Eindruck mache, ich hätte keine Ahnung – für die neue Technik stimmt das auch.

Öfter als nur manchmal kommt es mir wie ein Wunder vor, dass ich trotz all dem meinen Job behalten habe, und weiterhin wenigstens einigermassen in der Lage bin, die Arbeit zu machen.

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