Gefährliche Bücher


Diese Tage bin ich über ein Plakat an der S-Bahn Haltstelle Stuttgart Vahingen gestolpert, besser gesagt, die Aussage des Plakats, dass Bücher gefährlich sein können.

Plakat des Spiegel-Verlages an der S-Bahn Haltstelle Stuttgart-Vahingen, aufgenommen am 26.01.2016
Plakat des Spiegel-Verlages an der S-Bahn Haltstelle Stuttgart-Vahingen, aufgenommen am 26.01.2016

Die Ansicht, dass Bücher gefährlich sein können hat Tradition. Immer wieder wurden Bücher verboten, gar verbrannt. Und es ist nur schwer abzustreiten, dass die Versuchung groß ist, missliebige Gedanken, die in Büchern publiziert wurden, auf diesem Weg unsichtbar zu machen, oder gar aus der Welt zu schaffen.

Das Schwierige hieran ist, wer entscheidet, welche Bücher gefährlich sind, welche erlaubt sind, und welche verboten werden. Und auf Grund welcher Kriterien solche Entscheidungen gefällt werden. D.h. die Frage ist, wem wir solche Entscheidungen zutrauen, und wem wir die Macht geben wollen solche Entscheidungen zu treffen. Dem Staat? Dem Spiegel Verlag? Oder jemand anderem? Oder gar keinem?

Das andere Problem ist die Frage, betrachtet man das Publikum als mündig, oder als unmündig? Wer Bücher verbietet, der impliziert dadurch, dass er besser weiß als die anderen, was richtig ist und was falsch ist. Er impliziert auch, dass die Leser nicht in der Lage sind, mit solchen Büchern  umzugehen. Kurz, dass die Leute zu dumm und unfähig sind mit sogenannten gefährlichen Büchern umzugehen.

Das Plakat bereitet mir deshalb Unbehagen auf dreierlei Weisen:

  1. Der Spiegel Verlag ist ein Unternehmen, privat und kommerziell ausgerichtet. Er hat keinerlei demokratische Legitimation, wurde nicht gewählt und ist deshalb nicht in der Position, als Vertreter des Volkes aufzutreten, und damit auch nicht in der Position, zu beurteilen welche Bücher dem Volk vorenthalten werden müssen, weil sie angeblich zu gefährlich sind.
  2. Ich finde es bedenklich, dass gerade ein Verlag, der an sich die Verbreitung von Informationen als Geschäftsmodell hat, hier ziemlich unverhohlen auf „notwendige“ Zensur hinweist. Das ist im Prinzip genau das Gegenteil des kleingedruckten „Keine Angst vor der Wahrheit“ – die Sortierung der Bücher nach gefährlichen und ungefährlichen ist der Wahrheit nicht dienlich. Wahrheit entsteht nicht, indem man bestimmte Informationen unterdrückt.
  3. Es gefällt mir nicht, dass der Verlag impliziert, die meisten Leser seien unfähig mit gefährlichen Büchern umzugehen – dass man die Leser zumindest an der Hand nehmen und führen muss, oder, drastischer, dass man die Leser mit gefährlichen Büchern gar nicht in Kontakt kommen lassen darf – weil die Leser dumm, unfähig und unmündig sind.

Jetzt gibt es die Möglichkeit, dass ich das Plakat komplett falsch verstanden habe. Dann ist das Problem, dass vermutlich auch Andere das Plakat ebenso falsch verstehen. Und auch in diesem Fall ist das Plakat problematisch, weil es ungewollt falsche Ideen in die Köpfe der Menschen pflanzt.

Insgesamt war mein Unwohlsein jedenfalls so groß, dass es mich trieb, das Thema hier in meinem Blog anzusprechen und zur Diskussion zu stellen.

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