Altenverwahranstalt


Seit fast zwei Jahren ist unsere Mutter im Pflegeheim, und teilweise auch geistig verwirrt.  Einerseits sind das sicher Folgen des schweren Schlaganfalls, andererseits bietet das Pflegeheim dem Geist auch wenig Abwechslung. Meine Mutter liegt den ganzen Tag im Bett, schaut an die Decke, aus dem Fenster oder in den Fernseher.

Es ist kein Wunder, wenn unter diesen Umstände auch der Geist abbaut.

Und das bringt mich zu dem Punkt, warum ich diesen Artikel schreibe. Oft komme ich zu einer Zeit ins Pflegeheim, wenn gerade das Abendessen serviert wurde. Auf dem Weg zum Zimmer meiner Mutter komme ich durch den Speisesaal – zu einer Tür hinein und ein kürzes Stück später zu einer anderen wieder hinaus.

Und da sehe ich sie – alte Menschen mit leeren Gesichtern, blicklosen Augen. Ich weiss, nicht alle davon sind dement, mit einigen kann man sprechen. Es sind zwei oder drei. Ich bedauere sie, wenn ich sie so zwischen den anderen sitzen sehe, die zwar noch Leben, aber nicht mehr denken. Die einem zwar den Blick zuwenden, wenn sie eine Bewegung wahrnehmen, aber wenn man dann grüßt, bleibt das Gesicht ohne Regung – die Worte werden nicht gehört, nicht verstanden, vielleicht ist auch kein Verstand mehr da der etwas verstehen könnte. Es ist gruselig, ein wenig wie Zombies erscheinen sie einem. Ich muss zugeben, ich habe ein wenig Angst in solchen Momenten, weil ich es gewohnt bin, auf die Körpersprache meiner Gegenüber zu achten, um in etwa zu wissen wie sie zu einem stehen, aber diese Menschen geben einem keine Zeichen.

Diese Leute sind wie leere Hüllen, die noch leben, aber in ihnen ist nichts mehr. An manchen Tagen war meine Mutter auch schon auf dem Weg dahin, im Moment ist es wieder besser.

Aber es gruselt mich. Zum einen, weil ich so nicht enden möchte. Das ist keine Leben mehr, obwohl es den Leuten nicht schlecht geht. Zumindest das „satt und sauber“ beherrscht das Personal im Pflegeheim perfekt. Und ich glaube auch, mehr können sie als Pfleger fast nicht tun, ausser man hätte doppelt oder dreimal so viele Pfleger, was dann aber niemand bezahlen könnte.

Ich bin es gewohnt kreativ zu sein. Etwas zu arbeiten. Etwas zu lernen. Ein Leben ohne Aktivität, die von mir ausgeht ist mir zumindest im Moment unvorstellbar. Manchmal denke ich, ich muss mir etwas besorgen, um meine Leben zu beenden, bevor es so endet. Denn die Leute dort im Pflegeheim sterben nicht so schnell. Ihre Körper sind zum Sterben viel zu gesund, und sie „leben“ so als leere Hüllen noch Jahre vor sich hin.

Es gruselt mich auch, wenn ich mir den Tag meiner Mutter so vorstelle. Pflegen lassen, Essen und Fernsehen. Sonst macht sie nichts. Sie malt nicht, schreibt nicht, bastelt nicht. Ich habe es versucht sie dazu zu animieren. Aber sie hat sich wahrscheinlich schon aufgegeben, fühlt, dass es keine Zukunft mehr gibt, ausser dem Bett, Essen und Fernsehen. Vielleicht würde ich dann auch nichts mehr machen wollen, wenn ich weiss, dass ich nie mehr aus dem Bett komme – aber ich hätte als jemand der mit dem Internet vertraut ist, auch aus dem Bett heraus noch Möglichkeiten zum Kontakt. Meine Mutter hat sich nie mit dem Internet beschäftigt, oder es gar nutzen wollen.

Auf jeden Fall will ich erst gar nicht so enden wie die leeren Menschen dort. In den Händen fremder Menschen, die einen am Leben erhalten müssen, an einem Leben das keines mehr ist, und die Dinge sagen wie „Aktive Sterbehilfe leisten wir hier nicht.“  – Meine Mutter hatte gefragt, ob der Pfleger ihr jetzt die Pillen zum Sterben bringt. Ich glaube, es war nur halb als Scherz gemeint, aber ich traue mich nicht, danach zu fragen oder etwas dazu zu sagen.

Ich weiss nicht was der richtige Weg ist. Aber ich hoffe meiner endet, bevor ich nur noch so ein Zombie im Pflegeheim bin, der blicklos den Kopf wendet wenn er etwas bemerkt, das dann aber doch nicht in den Geist dringt, falls überhaupt noch Geist vorhanden ist. Und noch weniger wie die, die dauernd schreien, weil alte Traumata sie verfolgen, böse Erinnerungen aus der Vergangenheit, die sie jetzt ganz im Griff haben, nachdem die Wirklichkeit sie verloren hat.

 

 

 

 

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