Hände des Alters


Ich glaube man kann getrost sagen, dass ich das Älterwerden hasse. Als Kind konnte ich springen und hüpfen wie ich wollte, jetzt ist es ein Dreieck von Anstrengung, Schmerz und Verletzungsgefahr. Ich trainiere und ich bin leistungsfähig, aber es wird immer schwerer. Der Boden wird ferner, Gegenstände anzulegen oder aufzuheben wird zur Mühe. Alles Mögliche schmerzt aus allen möglichen Gründen. Ich erinnere mich, dass es andere Zeiten gab.

Und immer wieder betrachte ich meine Hände, die Haut.

Furchen des Alters
Furchen des Alters

Wenn alles an mir so schnell altert wie meine Haut an den Händen, dann gute Nacht. Ich versuche mir zu sagen, dass es die Folgen meiner Hautkrankheit sind, dass die Haut einfach kaputt ist, auch wenn die Krankheit inzwischen kaum noch ausbricht – es gab Zeiten da schälte sich die Haut in Fetzen von meinen Händen und ich konnte ohne Handschuhe nicht mehr arbeiten. Die Gewöhnung an die Handschuhe ist geblieben, die Furchen in der Haut auch.

Mein Vater sagte immer mal wieder, „Dies ist ein Strafplanet“. Allzu oft glaube ich es auch. Das Leben ist mühsam, Anstrengung allgegenwärtig, Freude selten. In meinem Fall gesellt sich noch eine gewisse Frustration dazu, über vergangene Anstrengungen, die mich Jahre meines Lebens gekostet haben, und nichts einbrachten, ausser vielleicht Erfahrungen, was alles nicht funktioniert, oder generell sinnlos waren, für Personen mit meiner Persönlichkeitsstruktur, weil ich daraus weder Freude noch sonst etwas gewinnen kann, was ich aber viel zu spät erkannt habe.

Seit einiger Zeit fühle ich mich auch allein, obwohl ich üblicherweise mit dem Alleinsein keine Probleme hatte. Genauer gesagt, ich fühle mich allein gelassen, ohne Hilfe, ohne Unterstützung, immer auf mich selbst und meine eigene Kraft angewiesen. Leute die Freunde waren, oder sich so nannten haben mir selten geholfen, meist war es zum eigentlichen Problem dann noch eine weitere Enttäuschung, zu erfahren, dass ich mich immer wieder alleine durchbeißen musste, wenn es schwierig wurde.

Im letzen Jahr habe ich meine Unabhängigkeit genossen, die so groß war wie praktisch nie zuvor, obwohl ich oft genug das Gefühl hatte, es zerrt immer noch zu viel an mir, aber es wurde weniger, und es ist weniger als in der Vergangenheit.

Vielleicht wird es Zeit einen Lebenspartner zu suchen, auf der anderen Seite habe ich Zweifel, ob ich für eine Partnerschaft geeignet bin, und ob ich jemand finden kann, der mit all meinen Macken umgehen kann (oder will). Ich bin sicher kein einfacher Mensch. Eher das Gegenteil – empfindlich, eigensinnig, versponnen, voll wunderlicher Gedanken.

In der letzten Zeit rasen die Tage nur so vorbei. Ich versuche hart an Verbesserungen meines Umfeldes zu arbeiten, manchmal bis spät in die Nacht hinein, aber ich habe das Gefühl, ich bekomme nichts getan, und die Zeit rast. Sie rast an mir vorbei, aber sie nimmt mich nicht mit.

Als Kind war ein Jahr fast endlos lang, inzwischen vergeht ein Jahr wie nichts, und ich habe immer das Gefühl, trotz all meiner Anstrengungen kann ich nur mit Mühe mithalten, aber eigentlich glaube ich, ich müsste sagen, ich falle nur auf vielen Feldern immer weiter zurück.

Ich verstehe es nicht.

Ich glaube ich werde sterben, ohne dass etwas bleibt, ohne dass ich in meinem Leben etwas geschafft hätte, was in Erinnerung bleibt. Von den Geschwistern bin ich mit großem Abstand der jüngste, ich werde vermutlich als letzter sterben, und niemand wird mehr da sein, um auf meine Beerdigung zu kommen … eigentlich sollte es mir egal sein, denn zu dem Zeitpunkt bin ich schon tot, aber der Gedanke gefällt mir nicht. Genausowenig gefällt mir der Gedanke ein Pflegefall wie meine Mutter zu werden, wenn niemand von der Familie mehr lebt, weil ich sehe, wie schlecht die Pflege im Heim ist, und dass die Leute ohne den Einsatz der Angehörigen schlicht verloren haben – zu vieles wird vergessen, verschlampert, oder ist einfach gar nicht Teil der Pflege, und muss von den Angehörigen geleistet werden.

Ich hoffe ich merke es rechtzeitig, und kann Selbstmord begehen, bevor ich hilflos in der Pflege lande, ohne Angehörige. Ich sage mir immer wieder, die Brücke ist nicht weit, und ich kann jederzeit springen, ich kann es mir leisten, noch einen Versuch zu machen, und sehen ob es besser wird, wenn es dann unerträglich wird, dann ist die Brücke nicht weit …

Ich hasse diese Welt. Und sie wird immer schlechter. Der Euro geht den Bach runter, Ersparnisse, sofern man sie hat, sind bald nichts mehr wert. In allen Ländern um uns herum ist die Arbeitslosigkeit astronomisch hoch. Bei uns ist dafür Hartz IV zum Arbeitshaus der Gegenwart geworden.

Krieg greift um sich. In immer mehr Regionen brechen Konflikte auf. Kulturelle Konflikte ebenso wie Konflikte um den Zugriff auf Bodenschätze oder andere Ressourcen. Mir gefällt diese Entwicklung nicht, so wenig wie der Zerfall der Währungen, der nicht auf den Euro beschränkt ist. Auch der Dollar, der im Moment noch gut steht, ist von immensen Schulden ausgehölt, er steht nur noch deshalb gut, weil die Probleme der anderen Währungen offensichtlicher sind.

Winterdepression? Vielleicht. Schlechte Zeiten? Vielleicht. Ich werde versuchen, meine kleine Welt in Ordnung zu halten, und ansonsten der Dinge harren, die da kommen.

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9 Kommentare zu “Hände des Alters”

    1. Sonne ist ganz wichtig. Gestern habe ich versucht, so viel Sonne wie möglich zu tanken, leider hatte ich viel Arbeit in der Wohnung, so dass es nur eine halbe Stunde geworden ist.

      Und Du hast recht, bald kann man wieder raus, und wenn die Natur eider auflebt, dann vergisst man die trüben Gedanken auch leichter.

      Auch heute kommt ab und zu die Sonne durch 🙂

  1. Warum die Zeit schneller vergeht, je älter wir werden, ist medizinisch erforscht. Unsere Körpertemperatur nimmt pro Lebensjahrzehnt um ungefähr 0.1°C ab. Im gleichen zu beschleunigt sich die Zeit, die an uns vorbeigeht.

    Als Kind bestürmte ich meine Mutter, wann ist wieder Weihnachten, weil ich mir ein Modellauto wünschte. Heute sage ich: Schon ist wieder Weihnachten und ich habe noch keine Geschenkideen!

    Es gibt Situationen im Leben, wo unsere Körpertemperatur sprunghaft ansteigt und wir extrem viel Zeit zur Verfügung haben. Mir passiert das in Notsituationen. Zum Beispiel, als ich an einen Autounfall herankam und die Bergung des verletzten Fahrers koordinieren musste. Ich hatte ein extrem klares Bild von der ganzen Situation, konnte erkennen, wer wo war, wie fit die mir fremden Passante waren, wem ich welche Aufgabe zuteilte, wen ich zum Telefonieren schickte. Ich hatte alle Zeit der Welt, zu beobachten, zu denken, zu entscheiden, war arschkalt und hatte die Autorität, die von niemandem in Frage gestellt wurde. Den Cabriofahrer zogen wir ohne weiteren Schaden aus dem Fussraum des kopfüber liegenden Autos heraus.

    Hinterher, als alles vorbei war, der Verletzte im Krankenwagen verstaut, da stand ich da und die Knie schlotterten mir, ich frohr, fiel fast auseinander.

    Ein ähnliches Erlebnis erzählte mir ein Schachspieler von seinen Turnierwettkämpfen. Er hatte beim Spielen eine erhöhte Körpertemperatur, fror hinterher mörderisch. Aber im Turnier war er arschkalt, konzentriert und die Zeit verlief so langsam, dass er jede beliebige Menge Zeit hatte zum Nachdenken. Er sagte mir, dass er die Körpertemperatur fast auf Abruf erhöhen könne. Auf die Zeit hinaus habe er das gesundheitlich schlecht verkraftet, sich hinterher zu langsam erholt und darum habe er aufgehört mit Schachspielen.

    1. Hallo Jürg, ich habe versucht zu googlen, weil mir die abnahme der Köpertemperatur mit dem Alter neu war, bin aber nur auf Quellen gestossen, die über Mängel bei der körperigenen Temperaturregeleung bei sehr alten Personen berichten. Quellen zu einem geordneten Rückgang von 0.1° pro Jahrzehnt konnte ich keine finden, scheinbar ist der „normalbereich“ von 36.6 bis 37.4 Grad für alle Menschen gültig, auf der anderen Seite umfasst er 0.8°, das würde für 8 Jahrzehnte Rückgang mit 0.1° reichen, wenn nach der Geburt mit 37.4 startet.

      Online Quellen wärenm schön, weil für mich einfach zu erreichen 🙂

      Quellen zum Zeitgefühl, die ich gefunden habe gehen eher von einem psychologischen Effekt aus. Als Kind ist vieles neu, und das Gedächtnis speichert viele Neuigkeiten in relativ kurzer Zeit. Je älter wir werden, desto mehr „Basiserfahrungen“ haben wir, und die Anzhal echter Neuigkeiten (= nie zuvor erlebt) nimmt ab. Unser Zeitempfinden orietiert sich diesen Studien zufolge am Gedächtnis, und je weniger Meilensteine (= echte Neuigkeiten) es gibt, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen (weil es weniger Meilensteine pro Zeiteinheit im Gedächtnis gibt).

  2. Es ist fast 15 Jahre her, dass zur Rate der Abnahme der Körpertemperatur und deren Zusammenhang mit dem Zeitempfinden publiziert wurde. Ich bin nicht Mediziner, so dass ich kaum zitierfähiges Material liefern kann. Dass Kleinkinder eine höhere normale Körpertemperatur haben als Jugendliche und dass diese im Erwachsenenalter noch einmal abnimmt, das ist glaube ich medizinisches Grundwissen, das eigentlich jeder Arzt kennt.

    Was die Veränderung des Zeitempfindens in Ausnahmesituationen betrifft: Das Phänomen, dass Menschen in Notsituationen so reagieren wie ich, ist bekannt. Das passiert ungefähr jedem fünften. Selbstverständlich messe ich in solchen Situationen meine Körpertemepratur nicht, so dass dieser Zusammenhang Spekulation ist.

    Hingegen hat der befreundete Schachspieler aus Neugierde seine Körpertemperatur gemessen.

    1. Vielleicht sollte ich noch ein Missverständnis vermeiden: Dass ich Notsituationen arschkalt zu funktionieren anfange und dass dann bei mir die Zeit enorm langsam wird, das habe ich nicht gewählt. Ich habe es nicht eingeübt, es hat nichts mit bewussten Entscheiden zu tun. Als es mir zum ersten mal passierte, war ich vollkommen verblüfft. Ich hatte nicht damit gerechnet.

      Aus der Forschung las ich, dass das ungefähr jedem fünften so passiert. Für bestimmte Spezialaufgaben, zum Beispiel im Militär oder bei Spezialeinheiten der Polizei oder Rettungsdiensten oder Airlie Piloten wäre es nützlich, Leute solche Leute zu haben. Die Israeli haben konsequent geforscht, ob es irgendwelche Persönlichkeitstests gibt, um das im voraus abschätzen zu können. Der Stand Mitte 90er Jahre ware, dass es keine Möglichkeiten gibt, das herauszufinden. Erst der Ernstfall zeigt den Unterschied.

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