Das Licht am Abend


Hier in Stuttgart wurde die Gasbeleuchtung 1845 eingeführt. Auch eine Gasexplosion in einem Wohnhaus kurz darauf konnte die Begeisterung für die neue Beleuchtungstechnik nicht bremsen. Es wurde gesammelt und für die betroffene Familie gespendet.

Kritik kam von anderer Seite – es wurde befürchtet, dass die neue Beleuchtung die Leute dazu verleiten würde, auch am Abend zu Arbeiten, statt den Abend zur Erholung und Muse zu verwenden.

Da ich in einer anderen Zeit aufgewachsen bin, war ich zunächst verwundert über die Kritik am Licht. In meiner Vorstellung war künstliches Licht gerade dazu da, das man auch am Abend noch „etwas arbeiten“ kann, auch wenn es nicht Erwerbsarbeit ist.

Dieser offensichtliche Gegensatz im der Art und Weise wie das Licht damals beurteilt wurde, und wie ich es heute zu beurteilen gewohnt war, hat mich zum Nachdenken gebracht.

Da ist der eine Punkt, die evolutionsbiologische Sicht.  Alle unsere Vorfahren waren dem Diktat der Natur unterworfen, und hatten bis zur Erfindung des Feuers gar keine Lichtquelle, d.h. ausser Schlafen gab es sehr wenig, was man am Abend und in der Nacht noch tun konnte – arbeiten konnte man in der Dunkelheit jedenfalls nicht. D.h. vermutlich steckt in uns noch viel von der Anpassung an lange Winternächte, und wir verhalten uns seit der Erfindung des Feuers, und darauf folgend immer besserer Beleuchtung, gegen unsere Natur.

Der andere Punkt betrifft mich zunächst persönlich, aber es ist ein Schicksal, das immer mehr Leute betrifft – Burn Out. Man will zu viel, man investiert zu viel, und man geht über die Grenzen, biss die Natur final ihren Tribut fordert, und es einfach nicht mehr weiter geht. Bei mir spielte hier der Computer eine entscheidende Rolle, aber sicherlich war es auch die verfügbarkeit von gutem Licht am Abend und in der Nacht, das mich dazu brachte diese Zeit nicht zur Erholung, sondern zur Arbeit an meinen damaligen Projekten zu nutzen.

Somit war die Warnung von damals vielleicht gar nicht so verkehrt. Die Verfügbarkeit von gutem Licht ist für uns selbstverständlich geworden, und wir nutzen die gewonnene Zeit, um zu Arbeiten, anstatt für Muse und Erholung. Die Bremse, die uns die Natur am Abend gab, sie zieht nicht mehr.

Vor 20 Jahren hätte ich die Warnung belächelt. Heute erscheint sie mir fundiert.

Man sollte es im Gedächtnis behalten, wir sind nicht von Natur aus dafür geschaffen, die ganze Zeit bis auf den Nachtschlaf mit Aktivität zu füllen. Auch wenn wir wach sind, sollte ein guter Teil dieser Zeit für die Erholung reserviert bleiben – dazu kommt noch, dass neue, kreative Ideen erst entstehen, wenn das Hirn zum größten Teil im Leerlauf ist, und keine aktuellen Probleme zu lösen sind. Wer in der Tretmühle immer nur rennt, der hat gar keine Zeit für neue Ideen.

 

 

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Ein Kommentar zu “Das Licht am Abend”

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