Galoppierende Unlust


Meine Mutter ist nun seit etwas über einem Jahr im Pflegeheim. Am Anfang war es noch ganz gut, aber seit einiger Zeit wird es immer schwieriger, mich für die Besuche und pflege zu motivieren, weil sie mich praktisch völlig ignoriert, wenn ich da bin. Es ging vor einigen Monaten los, als sie nicht mehr sprach, und es wurde seither nicht mehr besser, nur schlechter.

Im Moment bin ich mit ihr, grob gesagt, beleidigt. Ich komme dreimal die Woche, mache Gymnastik mit ihr, Massage und andere Pflege und sie findet es nicht mal notwendig Danke zu sagen oder eine Art der Anerkennung wie „schön, dass du kommst“, oder „das tut gut“ – sie kann sprechen, sie will nur nicht. Nicht mal ein Lächeln als Zeichen, dass es gut ist, was ich mache. Sie kann Lächeln. Und immer öfter werde ich nicht mal richtig angeschaut.
Ich habe keine Lust mehr, denPflegedepp zu geben, wenn so gar nichts zurückkommt. Das ist nicht nur zeitaufwändig, das ganze Programm sind jeweils etwa 2 Stunden, sondern auch anstrengend. Manchmal musste ich danach eine Schmerztablette nehmen, weil mein Rücken die Belastung nicht verträgt.
Gestern war es wieder sehr frustrierend, bei einem Teil der Gymnastik muss sie mitmachen, und sie macht praktisch gar nichts. Wenn ich den Teil dann mangels Mitarbeit übergehe, dann gibt sie Zeichen, dass sie doch will. Wenn wir den Teil dann nachholen, dann kommt wieder nichts. Ich hatte das schon wiederholt angesprochen, auch am Samstag, und gestern noch mal ganz deutlich gesagt, aber nichts. Weder Mitarbeit noch ein Kommentar. Ich mach das ja nicht für mich, sondern für sie.
Warum soll ich mich da immer anstrengen, wenn sie überhaupt nicht mitmacht? Wenn sie nicht mit mir spricht, mich nicht anschaut, nie ein Lächeln gibt oder gar ein Danke? Ich hab’s inzwischen so satt. Ich habe das mehrfach angesprochen. Sie kann lächeln, sie kann danke sagen. Sie will also nicht. Dann will ich jetzt auch nicht mehr.
Wie das genau aussieht weiß ich noch nicht. Besuchen will ich sie schon, aber für den ganzen Brimborium mit Gymnastik, Massage, Maniküre und Pediküre habe ich keine Lust mehr. Mehrfach hatte ich schon Magenschmerzen bei den Besuchen, ein Zeichen, dass sich mein Unterbewusstes inzwischen dagegen sträubt, und Wege sucht, die Besuche zu verhindern.

Eine Pflegerin die gerade Schichtbeginn hatte, und der ich auf dem Nachhauseweg begegnet bin, sprach von ähnlichen Erfahrungen. Sie brachte es etwa so auf den Punkt, „Ihre Mutter sagt nicht Muh noch Mäh, so macht die Pflege keinen Spass.“

Ich bin also nicht ganz alleine mit meinen Problemen. Die Frage ist nur, wie damit umgehen?

Nachtrag 02.10.2014:

Heute hatte ich Gelegenheit, mit meiner Therapeutin über das Problem zu sprechen. Es scheint typisch für Schlaganfallpatienten zu sein, dass emotionale Defizite auftreten, und eine gewisse Starrheit im Denken. Zumindest schloss meine Therapeutin aus meinen Schilderungen, dass es bei meiner Mutter hauptsächlich die Folgen des Schlaganfalles sind, die ein Lächeln oder ein Danke verhindern, weil das Fühlen nicht mehr so funktioniert, wie gewohnt.

Die Frage ist, wieso wird das den Angehörigen nicht von den behandelnden Ärzten mitgeteilt? So rätselt man, und ärgert sich, fühlt sich frustriert. Selbst die Pfegerin schien über dieses Problem nicht informiert zu sein.

Wenn ich nicht selbst in Therapie wäre, und meine Therapeutin auf die Probleme angesprochen hätte, dann hatte ich das vermutlich nie erfahren. Es wird die Besuche jetzt nicht direkt besser machen, aber zu wissen, dass es keine böse Absicht ist, sondern Folge des Schlaganfalles, macht es einfacher, damit umzugehen.

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