„Ich habe Dich nicht großgezogen, um Danke zu sagen“


Seit langem vermisse ich ein Lächeln, ein Danke oder eine sonstige Form der Anerkennung, wenn ich unsere Mutter im Pflegeheim besuche. Auch Massage, Maniküre und Pediküre, sowie die Pflege der Pflanzen im Zimmer scheinen keines Dankes würdig.

Es macht mir die Besuche schwer. Ich verstehe es schon als meine Pflicht als Sohn, mich um unsere Mutter zu kümmern, aber eine bischen Anerkennung für mein Tun wäre nicht schlecht, es würde mir die Besuche wesentlich leichter machen; im Gegensatz zu jetzt würde ich es dann gerne machen. Im Moment fühlt es sich eben nur als Pflicht an. Manchmal fühle ich mich wie der Depp vom Dienst.

An manchen Tagen werde ich nicht mal richtig angeschaut.

Einmal, als ich mich nach so einem Besuch reichlich frustriert fühlte, weil alle meine Versuche etwas Gutes zu tun mit praktisch Null Reaktion quittiert wurden, bin ich zu einem spontanen Besuch zu meinem Bruder gefahren.  Ich brauchte jemand, um über das Problem zu reden.

Zu meiner Überaschung habe ich erfahren, dass es meinem Bruder bei seinen Besuchen auch nicht besser geht, teilweise sogar schlechter. Er darf z.B. den Fernseher nicht ausschalten, wenn er zu Besuch ist. Ist unserer Mutter das Fernsehen wichtiger als die Anwesenheit meines Bruders? Fernsehen kann Sie jeden Tag, mein Bruder kommt nur einmal die Woche zu Besuch. Ich hätte angenommen, dass Sie die Besuchszeit dann auch geniessen will, und sich dem Besucher zuwendet, anstatt dem Fernseher.

Im Lauf des Gesprächs kam mein Bruder dann auch auf eine frühere Begebenheit zu sprechen, die vermutlich schon viele Jahre zurück liegt, als unsere Mutter ihm erklärte, „Ich habe Dich nicht großgezogen, um Danke zu sagen.“

Aua.

Zumindest weiss ich jetzt, dass wir kein Danke erwarten dürfen.

Es ist schade, und ich verstehe es nicht, weil ich es selbst anders gelernt habe – wenn mir jemand etwas Gutes tut, dann bedanke ich mich dafür. Ich gebe einen Teil des guten Gefühls zurück, und wenn das nicht klappt, wenigstens eine Anerkennung der Anstrengung.

Ich weiss nicht wie ich mit der Situation Umgehen soll. Aber ich weiss jetzt, dass mein Bruder es noch schwerer hat.

Heute Abend fahre ich wieder ins Pflegeheim.

 

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2 Kommentare zu “„Ich habe Dich nicht großgezogen, um Danke zu sagen“”

  1. Von solch einer Mutter scheint ihr ja auch nicht besonders liebevoll erzogen worden zu sein.

    Der Satz an deinen Bruder ist ja sehr bezeichnend. Damit tut sie so, als ob sie sich für euch aufgeopfert habe und daher ihr der Dank gebührt, sie etwas von euch verlangen kann. Das ist keine liebevolle Einstellung zu den eigenen Kindern und zeigt letztlich, daß sie das Kinderhaben als Opfer und Verlust betrachtet. Man kann ja mindestens einmal zum Schluß Danke sagen als Zusammenfassung für den Tag.

    Also wenn ihr die Besuche nichts geben, dann solltest du da auch nicht mehr hingehen. 🙂

    Vielleicht interessiert dich ja diese Seite: http://www.alice-miller.com

    1. Einfach nicht mehr hingehen kann ich nicht, da würde ich Druck von meinen Geschwistern bekommen.

      Zwischen mir und den anderen Geschwistern besteht ein enormer Altersunterschied. Zitat meiner Schwester, „Du warst ein Unfall“ – meine Eltern gingen wohl nicht merh davon aus, dass meine Mutter in dem Alter noch mal schwanger werden würde, und so kommt es, dass gut 16 Jahre zwischen mir und der nächsten Schwester liegen.

      Ich bin nie richtig Teil der Geschwister gewesen, weil sie schon aus dem haus waren, bis ich aus dem Babyalter heraus war.

      Letzendlich scheint mir es unfair, jetzt noch Rechnungen aufzumachen gegenüber einer alten Frau, die halbseitig gelähmt im Pflegeheim liegt. Ich habe zuvor schon viel mit meiner Mutter geredet, vor allem seitdem ich in Therapie bin, und meine Therapeutin mich auf die Punkte aufmersksam gemacht hatte. Ich habe ein bischen eine Vorstellung davon entwickelt, warum usnere Mutter so geworden ist, auch wenn das nichts hilft.

      Sie betrachtet uns Kinder nicht als Verlust oder Opfer, aber die Kinder sollten vor allem für sie da sein – bei mir hatte ich manchmal den Eindruck, dass ich so zwischen Unterhalter und Altenpfleger geplant war, und wenn nicht von Geburt an geplant, dass mir diese Rolle nach dem Tod unseres Vaters sehr schnell zugedacht worden ist.

      Aber ich wollte einfach meinem Frust etwas Raum verschaffen, und über das Problem schreiben.

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