Neusprech


Unsere Sprache untergeht seit einigen Jahren einer Reinigung. Säuberung darf man schon fast nicht sagen, die Agenten der „political correctness“ haben das Wort ergriffen, und sorgen dafür, dass immer mehr Begriffe auf der schwarzen Liste böser Wörter landen, die man nicht mehr verwenden darf.

Sogar Neuausgaben von Büchern werden umgeschrieben. Bald wird es Rückrufaktionen für alte Bücher geben, damit veraltete Sprache nicht mehr im Umlauf ist. Bei gedruckten Büchern ist das nicht so einfach, Bücherverbrennungen wie man sie von früher her kennt sind nicht mehr en-vogue. Bei E-Books hat Amazon jedoch schon einen Präzedenzfall geliefert und erworbene E-Books bei einem Update von den Lesegeräten gelöscht – das Geld wurde zurückerstattet, aber das in Ungnade gefalle E-Book war dann eben weg. Sage also keiner, „das passiert nicht“.

Ich verfolgte das Ganze mit mehr oder weniger Kopfschütteln. Während ich das Ersetzen von Wörtern in Neupublikationen mit gelegentlichem Erstaunen hinnehme, finde ich die Korrektur der Altliteratur schon Orwellsch – in dem Roman „1984“ gibt es eine Behörde für Geschichtskorrektur, die genau dafür zuständig war: alte Literatur anzupassen.

Das Paradebeispiel für mein Kopfschüttlen ist „Neger“ – während im amerikanischen der „nigger“ ein Schimpfwort war, hielt sich die negative Bedeutung bei uns sehr in Grenzen. Und nur weil ein ähnlich klingendes Wort in einem anderen Sprachraum ein Schimpfwort war, müssen jetzt unsere Bücher angepasst werden? Wie gesagt, es löst ein Kopfschütteln aus, aber ich habe es akzeptiert, wenn es denn für einige Leute die Welt besser macht.

Die Raubvögel wurden schon vor Jahren zu Greifvögeln, weil der Raub ein Delikt ist, das Greifen von Beute aber … genauso mörderisch für die Beute? Man gewöhnt sich daran.

Vor ein paar Tagen dann der neueste Fund eines neusprechlichen Euphemismus – aus dem Unkraut, seit Jeher der treue Begleiter des Gärtners ist jetzt ein „unerwünschtes Beikraut“ geworden. Nun ja, ob das die Welt besser macht?

Vermutlich genauso viel wie die bisherigen Wortersetzungen, nämlich praktisch gar nicht. Wer Leute beleidigen will, hat immer noch genug Worte zur Auswahl, der Greifvogel tötet seine Beute immer noch so wie vorher, und das unerwünschte Beikraut ist in den Augen des Gärtners genauso störend wie das Unkraut.

Blendwerk. Das ist es – man verbirgt die schlechte Welt hinter netten Worten, und meint dann, die Welt würde besser, wenn die Worte besser werden. Und dann wundert man sich, wenn es nicht funktioniert, man hat ja „so viel“ getan.

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