Meine Mutter spricht nicht mehr …


Üblicherweise vier mal die Woche besuche ich meine Mutter im Pflegeheim. Meist reden wir für eine Weile, während sie zu Abend ißt, und danach mache ich etwas „Gymnastik“ mit ihr, so weit das möglich ist mit einer Person die auf der linken Seite komplett gelähmt ist. Etwas Arm- und Handkreisen, die Beine und die Füße bewegen, dann Massage für die Glieder und den Nacken.

Zuerst ist es mir gar nicht so aufgefallen, oder ich habe mir nichts dabei gedacht, aber seit einigen Wochen spricht meine Mutter nur noch sehr wenig. Auf einfache Fragen antwortet sie mit „Ja“ oder „Nein“, auf kompliziertere Fragen oft nicht, und ganz selten sagt sie von sich aus einen Satz. Manchmal scheint sie zum Sprechen anzusetzen, sagt dann aber nichts und dreht den Kopf wieder beiseite. Das war früher anders, da haben wir oft recht viel miteinander gesprochen. Nicht immer aber doch immer wieder.

Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter mit anderen Leuten mehr spricht, oder ob es den Pflegern überhaupt auffallen würde – meist sind sie in Eile und viele Patienten im Heim sind dement, die Sprechen auch nichts oder nur Unsinn. Es ist möglich, dass die Pfleger gar nicht so sehr darauf achten was ein Patient sagt, weil sie keine Zeit zum zuhören haben oder gewohnt sind, dass das meiste, was gesagt wird, Unsinn ist. Da meine Mutter auf direkte Fragen wie „Soll ich das Kopfteil höher stellen?“, oder „Liegen sie gut?“ antwortet, fällt es eventuell gar nicht so sehr auf …

Ich weiss nicht, was ich darüber denken soll. Aus Gründen die mir selbst nicht klar sind, Unsicherheit, Angst oder ähnliches, habe ich meine Geschwister dazu noch nicht direkt gefragt. Ich glaube, ich habe Angst, dass meine Mutter nur mit mir nicht redet, mit anderen aber schon, und will das nicht erfahren. Meinem Bruder, zu dem ich den besten Kontakt habe, habe ich die Situation in einer Email geschildert, aber noch keine Antwort erhalten.

Manchmal frage ich mich, ob sie erneut einen Schlaganfall hatte, der weitgehend unbemerkt blieb, und ihr das Sprechen jetzt so schwer macht. Dazu würde passen, dass das linke Bein, das sie vor nicht allzu langer Zeit noch im Knie beugen konnte, jetzt gar nicht mehr reagiert, und auch die Koordination im rechten Bein und im rechten Arm viel schlechter geworden sind. Es kann aber auch einfach sein, dass meine Mutter sich aufgegeben hat, und im Prinzip nur noch daliegt und auf den Tot wartet, wenn niemand zu Besuch ist. Sicher ist, dass meine Versuche die Glieder wieder in Gang zu bekommen, oder zumindest die vorhandene Beweglichkeit zu erhalten, gescheitert sind. Es ist frustrierend, weil ich jedes Mal etwa eine Stunde dafür aufgewandt habe, vier mal die Woche … und jetzt geht alles dahin, trotz aller Mühe. Letzten Sommer sah es für eine Zeitlang so aus, als käme das linke Bein wieder in Gang, und es sei mehr eine Frage der Kräftigung, als der Koordination. Aber nach einiger Zeit ging es immer weiter rückwärts, und jetzt ist das Bein tot.

Vielleicht spricht sie nicht mit mir, weil sie mit mir beleidigt ist. Aber ich habe gefragt ob es richtig sei, dass ich sie besuchen komme, und ein „Ja“ erhalten. Meine nächste Frage war, ob es wichtig sein, dass ich komme, und wieder war die Antwort „Ja“. Die Frage, „Warum sprichst Du dann nicht mit mir?“ blieb unbeantwortet. Ich bin ratlos.

Ein bischen erinnern mich die Geschehnisse an die letzten Wochen einiger meiner Katzen, die trotz zahlloser Besuche bei Tierarzt und Tierklinik, viel Geld, Zeit und Mühe, und allem was ich machen konnte, dennoch nicht zu retten waren, und trotz allem Einsatz an meist falsch diagnostierzierten oder falsch behandelten, oder vom Tierarzt nach dem „Prinzip Hoffnung“ weggelogenen Krankheiten viel zu Jung gestorben sind.

Die hochgelobte Medizin ist viel zu oft einfach hilflos. Manchmal auch nur Abzocke. Und, trotz aller Anstrengungen der Heimleitung, das Pflegeheim, wo meine Mutter ist, ist für bettlägerige Patienten nur eine Verwahranstalt. Mobile Patienten haben die Möglichkeit an verschiedenen Aktivitäten teilzunehmen, aber wer im Bett liegt, hat verloren. Für den gibt es einmal im Monat Besuch eines Musikers und Clowns – ich finde die Idee toll, und möchte das Heim dafür loben, aber einmal im Monat zwischen den Besuchen ist für Leute, die den ganzen Tag nur im Bett liegen, eine Ewigkeit.

Ich glaube, wenn ich länger dort liegen würde, hätte ich auch keine Lust mehr zu sprechen, und würde auf den Tod warten. Antwort eines Pflegers auf einen Kommentar meiner Mutter, vor einiger Zeit, als sie noch sprach und fragte, ob er ihr nun die Pillen zum Sterben bringen würde: „Aktive Sterbehilfe machen wir hier nicht“.  Ich glaube, der Pfleger hielt es für einen Scherz. Ich glaube auch, meine Mutter meinte es zu 80% ernst. Ich weiss es aber nicht, und ich habe damals nicht gefragt. Ich war in dem Moment ziemlich sicher, dass meine Mutter damit keine Scherze macht, nur eventuell nicht genau diesen Zeitpunkt meinte, sondern sehen wollte, ob diese Möglichkeit bestünde, um sie dann zu gegebener Zeit zu nutzen. Aber vielleicht interpretiere ich hier nur meine eigenen Gedanken hinein.

Zu viele offene Fragen, und heute wollte ich mir das einfach von der Seele schreiben. Morgen will ich meine Mutter wieder besuchen, mal sehen, wie es sein wird.

 

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5 Kommentare zu „Meine Mutter spricht nicht mehr …“

    1. Danke!

      Heute war es besser, zumindest kam für eine Zeitlang ein Gespräch in Gang. Also kein neuer Schlaganfall, es fehlt oft wohl einfach das Interesse am Gespräch, oder vielleicht auch die Kraft dafür.

      Auf meine Feage, ob sie, wie vorgeschlagen, mit dem rechten Arm auch übt, wenn ich nicht da bin, antwortete sie, „Was bleibt mir anderes übrig?“ Große Begeisterung ist es nicht, aber zumindest ist Einsicht da, dass es ohne Üben nur immer schlechter wird – und zumindest die letzen Tage hatte sie wohl auch die innere Kraft dazu, etwas zu tun.

      Mir tun die Patienten leid, deren KInder sich nicht so viel kümmern können, z.B. weil sie zu weit weg wohnen. Die Krankenkasse zahlt im Prinzip nur das, was fürs Überleben notwendig ist. Alles andere muss die Familie leisten.

  1. Ich denke, die wichtigen Fragen hast Du schon gestellt und möglicherweise erahnst Du auch die Antwort:

    Vielleicht schliesst Deine Mutter mit dem Leben ab, hat ihren eigenen privaten Entscheid gefällt, dass jetzt genug ist. Ich denke, da ist nichts falsches dabei, wenn Du Deine Mutter danach fragst: „Gibt es etwas, was Dich bekümmert in letzter Zeit?“

    Auch finde ich es sehr wichtig, dass Du mit Deinen Geschwistern redest. Die Frage wäre zum Beispiel „Hast Du auch in letzter Zeit eine Veränderungen bemerkt?“ So kommen eher die Beobachtungen der anderen zum Vorschein und es kann Hinweise geben auf ein zusätzliches medizinisches Problem, das einem Arzt vorgetragen werden sollte, irgendeines.

  2. Als meine Mutter nach einem Oberschenkelhalsbruch pfegebedürftig wurde, tauchten ähnliche Fragen, wie Du sie Dir stellst bei mir auf. Anfangs hatte Sie noch Hoffnung, bald wieder gut laufen zu können, doch nachdem die Reha nicht den gewünschten Erfolg brachte und sie nach ihren eigenen Worten eine Gefangene ihrer Wohnung wurde, verblasste ihr Lebenswille. Ich versuchte Ihr Anregungen zu geben, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, doch irgendwann war klar, dass sie einfach nicht mehr wollte. Sie wollte mir zudem nicht zur Last fallen, obgleich ich versuchte, sie das nicht spüren zu lassen. Leider konnte ich ihr nicht genügend helfen. Sie hätte eine neue Lebensperspektive mit genügend Lebensqualität gebraucht. Nachdem sie plötzlich in’s Krankenhaus kam verstarb sie binnen zweier Wochen. Kurz zuvor hatte sie mir noch am Telefon gesagt, dass sie nicht mehr leben wolle. Kurz darauf erkankte ich.
    Ich finde es gut, dass Du etwas mit und für Deine Ma machst. Was die Fortschritte betrifft, glaube ich, dass viel wichtiger, der Moment an sich ist. Die Lebensqualität, der Genuss. Weißt Du, im Nachhinein, bedaure ich es, dass ich zum Ende hin, so viel für Ihr Versorgt sein getan habe, mir aber zu wenig Zeit für das Miteinander nahm, für ein paar schöne, gemeinsame Momente. Noch mal Marzipantorte mit ihr essen, das wäre es gewesen, das hätte sie genossen. Tja. Zu spät. Aber Du hast hoffentlich noch Zeit, das Schöne, was mit Deiner Mutter möglich ist, zu genießen.
    Und zum Pflegeheim, das ist grauenhaft. Ich habe selbst früher mal in der Pflege gearbeitet, und auch da, lief das schon nach dem Motto „satt und sauber“ ab. Zeit für menschliche Wärme blieb da eigentlich nicht, die äußerte sich dann in Überstunden.
    Hast Du schon mal mit Deiner Mutter darüber nachgedacht, ob sie nicht lieber in einer autonomen Senioren-WG leben möchte?
    Ich kenne mich zwar nicht groß damit aus, aber so etwas gibt es, das weiß ich. In Wuppertal habe ich mal davon erfahren, als einen Trupp Senioren bei Aldi einkaufen sah, erklärte mir ein Freund, dass die alle zusammenwohnen und selbstbestimmt ihren Lebensabend gestalten. Pflegekräfte etc. werden von den Senioren selbst eingekauft und auch in allen weiteren Fragen entschieden sie eigentständig.
    Es gibt gute Literatur zum Thema Wohnen und Leben im Alter bei der Verbraucherzentrale und auch die Pflegestützpunkte in ganz Deutschland stehen einem unentgeltlich beratend zur Seite.
    Und noch eine Frage, warum hat Deine Mutter kein Netbook? Das ist zwar nicht die Lösung, aber ich finde, das Internet hält doch zumindestens ein wenig Unterhaltung und Information bereit, auch öffentliche Büchereien bieten immer mehr I-Books zur Ausleihe an.

    Versteh mich bitte nicht falsch, ich möchte hier keine klugen Tips geben, sondern nehme Anteil an Deinen Gedanken. Alles Gute Euch. Zoe

    1. Nur kurz, für eine längere Antwort muss ich erst noch etwas Nachdenken. Meine Mutter hat sich mit Handy, Computer und Internet nie angefreundet. Selbst die Fernbedienung für den Fernseher war für sie schwierig zu erlernen.

      Meine Mutter liesst (glaube ich) nicht, auch wenn ich ab zu Zeitschriften vorbei bringe. Das ist mehr für den Fall, dass etwas zum Lesen da ist, wenn meine Mutter es tatsächlich versuchen sollte. Es ist zugegebenermassen aber auch schwer im liegen mit nur einer Hand etwas zum Lesen zu halten. Meine Schwester hat eine Lesestütze besorgt in der man Bücher oder hefte fetklemmen kann, aber das Ding liegt seither unbenutzt in der Ecke.

      Die Senioren-WG ist deshalb auch keine Option. Meine Mutter kann das Bett nicht verlassen, und wird über eine Magensonde ernährt.

      Meine Mutter hatte Mai letzten Jahres eine schweren Schlaganfall, und ist seitdem linksseitig gelähmt, und rechts ist die Koordination inzwischen auch stark eingeschränkt.

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