Mehr als nur Sehen – die vernachlässigten Sinne


Vor einiger Zeit las ich diese Nachricht, und der Dialog mit Xunaira in den Kommentaren hat mich inspiriert, über die Sinne zu schreiben, die wir als Sehende üblicherweise vernachlässigen.

http://xunairaj.wordpress.com/2014/01/22/a-blind-girls-dream/

Für Menschen ist das Sehen normalerweise der wichtigste Sinn, gefolgt vom Hören. Beides sind Fernsinne, die uns die Wahrnehmung auch weit entfernter Dinge und Vorgänge erlauben.

Häufig wird das Sehen aber auch im Nahbereich als primärer Sinn eingesetzt. Ich glaube, das liegt an der Erziehung der Kinder. In den Mund stecken ist verboten. Das Lernen die Kleinen schon sehr früh, und damit fällt der Geschmackssinn für die Erkundung schon mal aus. Beim Einkaufen lernen die Kleinen dann auch, anfassen ist verboten: „Geguckt wird mit den Augen!“ Damit ist dann auch der Tastsinn aus dem Rennen. Kinder müssen sich also mit sehen, hören und etwas riechen behelfen, und ändern diese Gewohnheiten oft auch als Erwachsene nicht mehr.

Schmecken kann tatsächlich gefährlich sein, es gibt eine ganze Reihe giftiger oder zumindest ungesunder Dinge in unserer Umgebung. Leider ist schmecken und (sicherheitshalber) ausspucken schon wieder verboten, weil ausspucken Krankheitserreger verbreitet. Das Verbot ist zumindest verständlich und auch sinnvoll. Profis beim Weinverkosten machen es jedoch genau so – es wird probiert, aber nicht geschluckt und eben ausgespuckt.

Die Zunge ist dabei ein kombiniertes Tast- und Schmeckorgan, und kann eine große Bandbreite an Eigenschaften erkennen. Warm, kalt, fest, flüssig, breiig, körnig, glatt, rutschig, und natürlich die Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, bitter. Dazu noch die nicht so klar definierten Geschmacksrichtung metallisch und fleischig.

Im Gegensatz zum Auge oder Ohr ist das schon eine wahre Orgie an Sinneseindrücken, aber wir sind es gar nicht gewohnt richtig darauf zu achten. Dinge zum Probieren in den Mund zu nehmen wurde ja verboten, und beim Essen fehlt oft die Zeit, den Geschmack und die Konsistenz des Essens auch richtig bewusst wahrzunehmen.

Unser Tastsinn erlaubt eine ähnlich reichhalte Palette an Eindrücken, und sogar noch einige mehr. Schon beim Anfassen, ohne den Gegenstand noch bewegt zu haben, erkennen wird schon ob er rau ist oder glatt, warm oder kalt, und geübte können durch längeres halten auch etwas über die Wärmeleitfähigkeit und Wärmekapazität herausfinden, indem sie beobachten wie schnell sich ein Gegenstand an die Körpertemperatur angleicht.

Zum letzteren ist es allerdings wichtig, auch etwas über die Masse zu wissen, und das erfahren wir über das Anheben des Gegenstandes. Zusammen mit der Masse und der Größe erkennen wir dann auch die mittlere Dichte. Durch Bewegen lässt sich prüfen, wie ein Gegenstand auf Beschleunigung reagiert, und man kann etwas über die innere Struktur aussagen – eine nicht-homogene Füllung, die nicht starr an die Hülle gekoppelt ist wird sich als verändernder Widerstand gegen die Beschleunigung zeigen, auch die Trägheit der inneren Elemente kann beim Abbremsen erkannt werden. Flüssigkeiten schwappen anders als Pulver und Granulate, und ein Räder, Pendel oder Hebelwerk reagiert auf Drehbewegungen anders als auf lineare. Wir können durch Anheben, Drehen und Schütteln also eine enorme Menge an Informationen sammeln, die uns das Auge nie liefern könnte.

Wenn wir noch das Ohr hinzu nehmen, und den Gegenstand abklopfen, können wir weitere Details über die Homogenität und die Struktur erkennen. Zusammengebackene, gesinterte Materialien klingen oft eher dumpf, je feiner die Körnung, desto heller wird der Klang, bis zum hellen Klingen von Porzellan, der Metalle und von Glas. Brüche, Risse und Hohlräume im Innern eines Körpers können wir erkennen weil das Klangbild anders ist, als das eines vergleichbaren Körpers ohne Bruch oder Hohlraum. Das setzt Erfahrung voraus, wurde aber von der Bahn jahrzehntelang genutzt, um schnell und ohne viel Technik Brüche in Rädern und Drehgestellen zu erkennen – durch Abklopfen mit einem speziellen Hammer beim Stopp der Züge in den Bahnhöfen.

Setzen wir den Körper unter Druck, indem wir z.B. die Hand darum schließen, dann können wir Aussagen treffen über die Härte, die Plastizität und die Elastizität. Auch das sind Eigenschaften, die man einem Körper oft nicht ansieht.

Das Riechen eröffnet uns einen weiteren Zugang. Wir erkennen, ob ein Körper flüchtige Substanzen abgibt, oder nicht. Und wenn wir einen Körper in der Hand halten, können wir durch Drücken oder Schütteln, und auch durch Erwärmen prüfen ob die Abgabe der Substanzen konstant ist, ob der Körper eventuell porös oder mit leicht verdunstenten Flüssigkeiten getränkt ist  – Verdunstung kühlt, und die Abkühlung kann man spüren.

Wie viel mehr ist das, als das Auge sieht! Das Auge informiert uns über Farbe, Reflektion und Oberflächenstruktur, aber das ist es auch weitgehend. Das Auge, das Sehen, ist gut für die Ferne, wenn wir die anderen Sinne nicht einsetzen können. Für Dinge die wir in Griffweite haben, können uns die anderen Sinne jedoch viel mehr über einen Gegenstand mitteilen. Wir sind gut beraten, diese Sinne nicht zu vernachlässigen, sondern mit ihnen zu üben und sie zu nutzen.

Sie eröffnen uns ganz neue Welten, die man nicht sehen kann.

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